Veröffentlicht am Tag der Gedenkfeier an die Opfer des Neujahrs-Feuers in Crans Montana
♱ Requiescat in pace♱
| Mönch in der Felsenkirche Abuna Yemata Guh in Äthiopien |
Lässe - Auszeit und Wallfahrt
Seit der Antike, und zu mittelalterlichen Zeiten in Klöstern, wendete man den ‘Aderlass’ an, eine Heilmethode, mit denen man sich erhoffte, Körpersäfte ins Equilibrium zu bringen und dadurch potenzielle Gifte aus dem Körper zu entfernen. Durch das Blutabnehmen wurde man oft relativ schwach und träge, weshalb man als Mönch danach eine Auszeit benötigte, um sich zu erholen. Durch diesen Brauch entwickelte sich die Lässezeit, welche sich in Einsiedeln bis heute noch (obwohl der Aderlass natürlich schon lange nicht mehr praktiziert wird) wiederfindet.
Die Lässeferien waren in zwei Wochen aufgeteilt, damit stets ungefähr die Hälfte des Konvents im Kloster verblieb, um Messe zu feiern, die Stundengebete zu beten und den Tagesablauf zu erhalten. In der zweiten Woche war ich ‘dabei’, und durfte etwas weniger arbeiten. Es war ein komisches Gefühl, wie leer das Konventamt plötzlich war. Die Woche war noch nicht vorbei als ich auf der Anzeigetafel neben dem Refektorium sah, dass es eine Wallfahrt auf die Ranft geben würde - etwas später wurde ich auch von Pater Thomas eingeladen, mitzukommen. Zuerst war mir nicht klar, was die Ranft war, bis mir erklärt wurde, dass es sich bei der ‘Flüeliranft’ um den hauptsächlichen Lebensort von Hl. Niklaus von der Flüe handelte. Das Programm des Tages hörte sich sehr spannend an, und versprach eine abwechslungsreiche Zeit - da es meine erste Wallfahrt sein würde, freute es mich besonders.
Der Tag der Wallfahrt begann früh. Noch müde, aber gespannt, trafen wir uns am Morgen und fuhren mit dem Bus in Richtung Ranft. Manche waren in Zivil gekleidet, hatten Wandersachen an, oder trugen Kleidung gegen Kälte. Schon während der Fahrt war spürbar, was für ein segensreicher Tag es sein würde, und wie beeindruckend seine spirituellen Erlebnisse werden würden. Gemeinsam beteten wir im Bus die Laudes, das Morgengebet der Kirche, und anschliessend den Rosenkranz. Ich fiel jedoch irgendwo dazwischen in einen Schlaf, und wachte erst wieder auf, als wir uns zum Aussteigen bereit machten. Es war ungewohnt, aber gleichzeitig sehr interessant, die Laudes nicht im Oberen Chor zu beten.
In der Kirche bei der Ranft angekommen, empfingen wir einen eucharistischen Segen sowie einen Reliquiensegen. Dieser Moment war sehr ruhig und feierlich. Man merkte, dass viele mit einer inneren Haltung der Offenheit gekommen waren – bereit, diesen Ort auf sich wirken zu lassen. Es machte mir auch klar, wie wichtig Hl. Niklaus von der Flüe für die Katholiken der Schweiz war. Nach dieser kurzen Zeremonie ging es dann los mit dem Laufen - jeder mit dem eigenen Tempo, bis oben zum Rastplatz über der Flüe. Nach etwa 20 bis 30 Minuten zügigen Gehens (ich versuchte etwas schneller zu gehen, um Fitness aufzubauen) war ich dann da. Einige Brüder waren wegen Mobilitätsbeschwerden mit dem Bus vorausgefahren und sassen schon mit warmen Getränken auf einer Bank. Ich sagte kurz Hallo und ging dann in die Flüelischlucht hinunter, wo eine idyllische Szene sich präsentierte. Ich stand in der Ranft, dem Ort, an dem der Hl. Nikolaus von der Flüe lange Zeit als Einsiedler lebte.
In der Ranftkapelle feierten wir gemeinsam die Heilige Messe mit Abt Urban. Besonders eindrücklich war, dass sich auch einige zufällige Pilger anschlossen. So wurde die Messe zu einem Moment der Begegnung zwischen Menschen, die sich vorher nicht kannten, aber im Glauben verbunden waren. Der Ort selbst, ruhig und von Geschichte geprägt, verstärkte die Bedeutsamkeit dieses Gottesdienstes für mich, und es ist einer der vielen, an die ich mich aus meiner Zeit als Klosterzeitler am Besten erinnern kann.
Nach der Messe machten wir uns erneut auf den Weg, diesmal wieder bergauf aus der Ranft hinaus in Richtung Kloster Bethanien. Zusammen mit Pater Phillip und einigen anderen machten wir, oben angekommen, noch einen kurzen Abstecher zur römischen Kapelle St. Niklausen, bevor wir schliesslich im Kloster Bethanien ankamen. Bilder zu der beeindruckenden Kulisse in der Kirche, mit unzähligen Heiligen an der Decke, sind angehängt.
Im Kloster Bethanien wurden wir herzlich empfangen und durften gemeinsam zu Mittag essen. Es gab Suppe und weitere leckere Speisen, die nach dem langen Weg besonders gut schmeckten. Nach einem kurzen persönlichen Gebet in der Kirche gingen wir zusammen mit den Mönchen ins Lumeum, das direkt neben dem Kloster liegt. Das Lumeum ist ein 360-Grad-Erlebnis, das auf künstlerische Weise das Leben des heiligen Nikolaus von der Flüe darstellt. Mit Licht, Bildern, Musik und Texten wird seine Geschichte lebendig erzählt, und die schwierige Zeit, die diese prägte. Mich traf auch das Schicksal seiner Frau, die sich dazu öffnete, ihren Mann bei seiner Berufung zu unterstützen und dadurch, unter anderem wegen zehn Kindern, ein gigantisches Opfer ihrerseits darzubringen.
Nach diesem eindrücklichen Abschluss fuhren wir mit dem Bus wieder zurück nach Einsiedeln. Die Wallfahrt war nicht nur ein Ausflug, sondern eine spirituell prägende Zeit, geprägt durch spezielle Gedanken, Gebete und Begegnungen. Diese Erfahrung wird mir sicher noch lange in Erinnerung bleiben und war ein wertvoller Teil meiner Lässeferien im Kloster Einsiedeln.
| Altar der Kapelle St. Niklausen |
| Decke der Kapelle St. Niklausen mit unzähligen Heiligenbildern |
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